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Zwei Stunden Prävention gegen Extremismus an der Theodor-Fontane-Oberschule

09. 12. 2019

Vor Kurzem hatten die Schüler der Sekundarstufe I der Theodor-Fontane-Oberschule Potsdam zwei besondere Unterrichtsstunden. Besonders in dem Sinne, dass der Lehrer kein Lehrer der Schule war, sondern ein Aussteiger aus der Extremistenszene. Dieser stellte aber gleich zu Beginn klar, dass er nicht als Lehrer gekommen sei und die Schüler auch nicht belehren wolle. Er wollte mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen die Schüler davor warnen, extremistischen Vereinigungen beizutreten, und ihnen vermitteln, wie schwer es ist, wieder aus der Szene auszusteigen.

Maik Scheffler ist heute für die Initiative „Exit Deutschland“ tätig, eine Initiative, die Aussteigewilligen aus der rechtsextremen Szene und Familien, die ihre Angehörigen aus der rechtsradikalen Bewegung lösen wollen, hilft. Dieser Initiative ist es gelungen, in 20 Jahren 760 Aussteiger aus extremistischen Organisationen und Gruppierungen auf ihrem Weg zu begleiten.

Hauptberuflich arbeitet Maik Scheffler, der das Abitur und ein Studium absolviert hat, als sozialwissenschaftlicher Assistent und Bildungsreferent in Sachsen. Kaum vorstellbar, dass er früher selbst 15 Jahre lang in der rechtsextremistischen Szene aktiv war. In diese Szene hineinzugeraten, geht äußerst einfach und wird von den Jugendlichen zuerst gar nicht bemerkt. Maik Scheffler war einer, der immer eine Gruppe um sich herum brauchte. Gemeinsam mit Freunden traf er sich in einem Klub im ländlichen Raum. Das ging so lange gut, bis Rechtsextremisten auf die jungen  Leute aufmerksam wurden. Diese kamen nun auch immer zu den Treffen und versuchten, über die Texte ihrer Musik, die sehr emotional angelegt sind, den Jugendlichen ein Gefühl der Stärke zu vermitteln, ihnen zu vermitteln, dass sie Ahnung haben von der Politik, dass sie mitreden können. Nun organisierten sie sich in den Freien Kameradschaften, waren aktionsorientiert, gingen zu rechten Demos und Konzerten, übten auf der Straße Gewalt aus. Maik Scheffler machte später einen Versand auf und handelte mit CDs und Shirts, auf denen verfassungswidrige Inhalte waren. Dann ging er in die Politik und arbeitete aktiv in der NPD mit. Hier hatte er eine Mission zu erfüllen. Dabei zollte er Andersdenkenden keinen Respekt. Das waren für ihn Leute, die vom Staat manipuliert wurden.

Auf die Frage einer Schülerin, warum er ausgestiegen sei, antwortete Maik Scheffler, dass etwas passieren musste. Er hat sich nicht mehr wohlgefühlt in der rechtsextremistischen Organisation, er hatte keine Familie, er hatte gar nichts, er war bloß ein guter Nazi. Er begann sich zu hinterfragen, dass er doch eigentlich gar nicht gegen Juden und Ausländer ist. Und er hat gemerkt, dass er nicht alles sagen darf, und hat daran Kritik geübt. Ab sofort wurde er von seinen Gleichgesinnten fallen gelassen. Sie haben sich von ihm abgewendet, er war für sie gestorben, sie haben jeglichen Kontakt mit ihm abgebrochen, haben ihn von der Facebook-Seite gelöscht. Ab sofort war er völlig isoliert, hatte keine Freunde und keinerlei sozialen Kontakte mehr. Jetzt erst hat er gemerkt, dass es in der rechtsextremistischen Szene keine Freunde gibt, Rechtsradikale keinerlei Empathie haben und keine sozialen Beziehungen zu anderen aufbauen können.

Auf die Frage, wie andere auf seinen Ausstieg reagiert haben und wer ihm dabei geholfen hat, antwortet Maik Scheffler, dass es sehr schwer für ihn war. Alleine kann das keiner schaffen. Seine ehemaligen Freunde wollten mit ihm, einem Nazi, nichts mehr zu tun haben. Nur seine Mutter hat noch zu ihm gehalten. Und eben „Exit Deutschland“. Ohne genau zu wissen, was diese Initiative macht, hat er sich an sie gewandt und dort auch Unterstützung gefunden. Hier gab es immer jemanden, der für ihn da war, mit dem er reden konnte, bei dem er seine Vergangenheit aufarbeiten konnte. Er konnte soziale Kontakte knüpfen und wieder in die Gesellschaft integriert werden.

Zum Schluss hat Maik Scheffler die Jugendlichen noch vor den sozialen Netzwerken gewarnt. Diese seien sehr gefährlich und man müsse sehr sensibel damit umgehen. Rechtsextremisten sind immer auf der Lauer nach neuen Opfern.

 

Frau Kraneis

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Exit